Tropea in meinem Tempo
Zeit zu haben ist ein Luxus. Noch mehr aber: Zeit zu haben, über die niemand anderes bestimmt. Kein Plan, keine Verabredung, keine Kompromisse. Genau danach war mir letztens. Ein Tag nur für mich. Schauen, wo der Tag mich hinführt. Ich landete auf der anderen Seite Kalabriens, am Tyrrhenischen Meer. In Tropea.
Als ich Tropea kennenlernte, war ich noch ein Kind. Wir fuhren in zwei Tagen von der Schweiz bis zu unserem Campingplatz in der Nähe von Tropea und verbrachten dort unsere Sommerferien. Wenn wir abends nicht im Campingrestaurant assen, ging es in die Stadt. Durch die engen Gassen schlendern, irgendwo draussen zu Abend essen, danach das obligatorische Gelato. So sah ein typischer Sommerabend in Tropea aus. Und natürlich gehörte auch der Blick auf Santa Maria dell’Isola dazu, die Kirche hoch oben auf dem Felsen. Schon als Zwölfjährige konnte ich mich daran kaum sattsehen.
Viele Jahre später fuhr ich also wieder nach Tropea. Diesmal alleine. In meinem roten Fiat Panda, Baujahr 1993, ohne Feriengepäck und ohne Plan. Mir war bewusst, dass meine Kindheitserinnerungen wohl mit Touristenmassen überdeckt werden würden.
Ich wollte wissen, ob ich mein Tropea zwischen all den Menschen noch finden würde.
Ich muss dazu sagen, es war Mitte Juli, Hauptsaison und dementsprechend voll. Ich parkierte unten am Hafen und machte mich zu Fuss auf den Weg, immer am Strand entlang; etwas schockiert und gleichzeitig fasziniert von den Menschenmassen. Wunderschönes Wasser? Ja. Spektakuläre Aussicht? Auch. Aber beides findet man wenige Autominuten ausserhalb von Tropea, ohne dabei den Strandnachbarn mit den Zehen an den Ohren zu kitzeln.
Zwischen all den Menschen entdeckte ich eine fast leere Strandbar. Weisse Möbel, freie Plätze, Blick aufs Meer. Eine Pause? Klingt gar nicht schlecht. Ein Glas kühler Weisswein? Noch besser. Ich hatte Lust auf ein Glas Weisswein am Meer? Andiamo.
Ich bestellte, setzte mich alleine in die weisse Rattanlounge und beobachtete das Treiben am Strand. Ich liebe es, Leute zu beobachten. Not in a creepy way. Aber ich mag diese kleinen Einblicke in das Leben von Fremden. «LOREEEEENZOOOO, VIENI A MANGIARE!» Ja, Lorenzo sollte wohl langsam aus dem Meer steigen und zu seiner besorgten, mit Panini voll beladenen Mamma gehen. Solche Momentaufnahmen liebe ich. Menschen, über die ich überhaupt nichts weiss und auch nie etwas wissen werde. Mein Cirò kam. Herrlich kühl, mit ein paar Snacks dazu. Genau das, worauf ich gerade Lust hatte. «Grazie mille.»
Ich holte meinen E-Reader hervor und las die letzten Seiten meines Buches. Niemand wartete auf mich. Ich musste nirgendwo hin.
Ich konnte einfach sitzen bleiben.
Gestärkt und leicht beschwipst erklomm ich die Treppen in die Altstadt von Tropea. Sobald mir eine schmale Seitengasse auffiel, bog ich ab. Weg von den vollen Einkaufsstrassen, hinein zwischen alte Hausfassaden und Wäsche im Wind. Manchmal waren es nur ein paar Meter, bis der Lärm hinter mir leiser wurde. Genau danach hatte ich gesucht.
Tropea war voll. Sehr voll sogar. Und nein, ich würde im Juli wohl nicht hierherfahren, wenn ich einen einsamen Strandtag verbringen möchte. Aber darum ging es an diesem Tag auch gar nicht. Ich wollte alleine unterwegs sein, meinem eigenen Tempo folgen und schauen, was passiert.
Ein Glas Cirò trinken, wenn mir danach war. In eine leere Gasse abbiegen, wenn sie mir gefiel. Sitzen bleiben, wenn ich sitzen bleiben wollte.
Vielleicht ist genau das der Luxus, den ich am Anfang meinte.
A presto,
Ari
P.S. Lust, mich noch ein bisschen durch Tropea zu begleiten? Mein Video von diesem Tag findet ihr hier.




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